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Lesepaten: Ein Ex-Bankdirektor ist wieder im Kindergarten

Vorlesen - ein Ex-Bankdirektor ist wieder im Kindergarten

„Noch eins!“ Gerd (70) hat gerade das 2. Kinderbuch zugeschlagen, da wollen Jonas (6) und die anderen aufmerksamen Zuhörer/inner schon das nächste hören. Begierig schauen etwa zehn Kinderaugenpaare den Lesepaten an – verstehen aber, dass die Zeit vorbei ist und trollen sich. „Tschüss, Gerd, bis Donnerstag!“ Unsere Gastautorin Elke Tonscheidt hat einem Lesepaten zugehört.

Gerd Müller, selbst Opa eines dreijährigen Enkels in Bayreuth und Vater zweier Töchter, hatte schon ganz andere Jobs, als in der Städtischen Kindergartentagesstätte Angeraue in Düsseldorf-Angermund zweimal wöchentlich vorzulesen. Knapp 40 Jahre war er bei der Deutschen Bundesbank, zuletzt in der Bankenaufsicht. „Da muss man auch viel lesen“, schmunzelt er, aber die Motivation für die heutige Beschäftigung ist eine andere: „Ich möchte den Kindern etwas von dem glücklichen Leben, das ich führen durfte, zurückgeben.“

Wer ist denn das? Mütter kennen Gerd meist nur aus Erzählungen

Vor fünf Jahren ging er in den Ruhestand, seitdem nimmt er sich diese Zeit und ist begeistert, was er nicht nur geben kann, sondern auch zurück bekommt: „Das Schönste eines Lesepaten ist, im Kreis der Kinder zu sitzen, immer einer darf abwechselnd auf den Schoß, und man merkt, die Kleinen vertrauen mir, lehnen sich an, hören mir zu. Und wenn sie dann zuhause ihre Eltern bitten, dass die auch etwas vorlesen, dann freue ich mich umso mehr.“

„Der Gerd“ ist nicht nur vor Ort im Kindergarten des kleinen beschaulichen Vororts der NRW-Landeshauptstadt ein Begriff. Immer wieder kommt es vor, dass Kinder beim Einkauf oder im Gottesdienst plötzlich freudig ausrufen und auf ihn zeigen: „Hallo Gerd!“ Gerd?? In viele erstaunte Müttergesichter hat er in all den Jahren schon geschaut, denn die kennen „unseren Gerd“ meist nur aus Erzählungen.

Auch in der Zentralbibliothek ist Gerd häufig Gast

Gerds Karriere als (Vor-) Lesepate begann, als er in einer Zeitung vom Netzwerk „Düsseldorf liest vor“ erfährt. „Das kann ich auch“, war sein Eindruck und knüpfte Kontakt. So sitzt er nun regelmäßig mehrere Stunden in der Zentralbibliothek auf der Suche nach den richtigen Büchern. „Zwei bis drei nehme ich dann pro Einsatz mit“, sagt Müller.

Gerne liest er die Walfängergeschichte von Käptn Sharky vor. Als wir von grosseltern.de dabei sind, fischt er aus seiner schwarzen Laptoptasche zudem das Buch „Heute ist alles erlaubt, oder?“ raus, um von einem Kindergeburtstag und seinen Pannen zu berichten. „Alles ist verwüstet“, liest er gerade und schaut auf: „Wisst Ihr, was das ist, verwüstet?“ Klar, ist die Antwort. „Und wenn bei mir alles unordentlich ist, hilft Mama immer“, weiß ein Blondschopf zusätzlich…

Zur Großmutter entwickelte sich ein sehr inniges Verhältnis

Gerd Müllers Kindheit war so ganz anders als die der Kinder heute. Als er drei war, wurde seine Familie aus dem heutigen Polen nach Hameln evakuiert. „Wir wurden vertrieben“, erinnert er sich. Der Vater war im Krieg, kam nie zurück. Mit seiner Großmutter und seinem Bruder fanden sie in Westdeutschland eine neue Heimat. Da die Mutter arbeiten musste, entwickelte sich zur Oma ein sehr inniges Verhältnis. Bücher wurden damals naturgemäß wenig gelesen; es gab nicht viele. Aber Geschichten, die wurden erzählt.

Müllers Hauptmotivation, sich heute nicht nur seinem Enkel zu widmen, den er trotz Entfernung etwa einmal im Monat sehen kann, ist jedoch eine andere. Ja, die Erinnerungen an seine Großmutter, sind stark; vor allem aber hat er seine beiden Töchter vor Augen, „die einen so geraden Weg beschritten haben und unsere Familie letztlich so viel Glück hatte im Leben“. Davon möchte er anderen heute etwas zurück geben.

„Gerd ist einfach klasse“, sagt die Leiterin der Städtischen Kita

Erste Überlegungen, alten Menschen zu helfen, wurden nicht verwirklicht. „Die psychische Belastung habe ich nicht ausgehalten“, sagt Müller. Mit Kindern zu lesen, das war dann ein Treffer. Und nicht nur die Kinder freuen sich – auch die Angestellten im Kindergarten sind stolz auf Gerd. So betont Babette de Fries, die die städtische Einrichtung leitet: „Gerd ist einfach klasse. Wenn er mit seinem Köfferchen anrückt und die Kinder ihn bestürmen – das ist doch einfach toll, oder?“

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